Ein Praktikumsbericht – Helfen und Lernen

Ich bin Jannik, 22 Jahre alt, und studiere evangelische Theologie. Es liegt gerade ein zweiwöchiges Praktikum bei der Initiative „Willkommen in Falkensee“ hinter mir und ich möchte berichten, was ich so erlebt habe und welche Gedanken mir dabei gekommen sind.

Die Initiative beinhaltet zehn Arbeitsgruppen, die alle autonom agieren. In den zwei Wochen habe ich Veranstaltungen der verschiedenen Gruppen besucht, die meist alle „nach der Arbeit“ am späten Nachmittag und Abend stattfinden. Von Deutsch-Unterrichten bis Fahrräder-Reparieren war alles dabei.

Das ganze Thema „Flüchtlinge“ geht gerade viral durch die Medien. Wenn man sich in den Informationsstrahl begibt, wird man förmlich erschlagen. Es gibt die unterschiedlichsten Erklärungen zu den unterschiedlichsten Themen aus allen möglichen politischen Richtungen. Da fühlt man sich gerade als junger Mensch, der sowieso unter dem Generalverdacht steht, politisch desinteressiert zu sein, überfordert. Ich fand es sehr spannend und hilfreich von den geflüchteten Menschen zu hören, welche Sicht Sie auf die politische Lage, global und in ihrer Heimat haben. Viele haben eine reflektierte Meinung über die  Situationen in ihrem Heimatland und bieten Perspektiven, die uns verwehrt bleiben, wenn wir nicht zuhören.

 

Anknüpfend an die politischen und wirtschaftlichen Begebenheiten steht natürlich auch immer die persönliche Geschichte. Es ist unfassbar wie viele Menschen für tausende von Euros auf überfüllten Schlauchbooten fahren und das, ohne Schwimmen zu können. Mir ist klar, dass der letzte Satz nur wenige berührt, da man ähnliches zurzeit überall lesen kann. Aber wenn dir jemand so eine Geschichte aus seinem eigenen Leben erzählt, ist das etwas ganz anderes. Ich habe Afghanen kennen gelernt, die flüchten mussten, weil sie für die Bundeswehr gearbeitet haben, oder einen jungen Mann, der Gedichte gegen die Taliban verfasste. Ich habe Leute kennen gelernt, die Literatur, Journalismus, Geschichte, Philosophie, Französisch oder Innenarchitektur studiert haben. Es gibt so viele persönliche Geschichten, die mich berührt haben und die ich mitnehmen werde.

 

Das Ziel einer solchen Initiative ist das Helfen. Es besteht aber die Gefahr, in eine Perspektive zu rutschen, in der nur   „starke Helfer“ und  „arme Bedürftige“ vorkommen. Ich habe Menschen kennen gelernt, die Unsicherheiten und Gefahren der Flucht auf sich nahmen und Mut und Stärke bewiesen. Darum nennt die Initiative die geflüchteten Menschen nicht mehr „Flüchtlinge“, sondern „Neu-Falkenseer“. Diese Sensibilität hat mich beeindruckt.


Als Mitarbeiter in einer Initiative hilft man nicht nur, sondern man lernt auch viel. Zu dem Zeitpunkt, an dem ich das erste Mal alleine Deutschunterricht gestaltet habe, dachte ich mir, dass ich für diese Arbeit der falsche sei. Ich bin weder Lehrer, noch war ich in der Schule besonders gut im Fach Deutsch. Nach der Stunde merkte ich, dass es eigentlich ganz gut gelaufen ist, denn ich kann Deutsch sprechen (und offensichtlich auch schreiben). Diese "Fähigkeit" konnte ich mit anderen teilen. Oft sind keine Experten gefragt. sondern einfach Menschen, die ihre Zeit investieren. Dadurch habe ich viel gelernt, sei es, dass ich jetzt eine Stunde Deutschunterricht aus dem Ärmel schütteln kann, ein Fahrrad reparieren kann oder den Erfahrungen von Menschen aus der ganzen Welt gelauscht habe. Es gibt mit Sicherheit auch einen Platz, an dem du helfen und und lernen kannst.