Es ist so einfach zu helfen!

Eindrücke unseres Praktikanten David

Unser Praktikant David und Desbele
Unser Praktikant David und Desbele

Neugier und der Drang, endlich in die Praxis umzusetzen, was ich mir in der Theorie schon lange vorgenommen hatte, mich nämlich irgendwo selbst zu engagieren, waren es, die mich antrieben, für dieses besondere Praktikum in der Initiative (die ich über Bekannte kannte) aus München ins ferne Falkensee zu kommen.

 

Heraus kam ich mit reichen und schönen Erinnerungen und der Erfahrung, dass selbst ein 16-jähriger Junge ohne besondere Fähigkeiten für das Leben von anderen Menschen durchaus etwas Wertvolles beitragen kann.

 

In der „B80“, dem Gebäude der Initiative, wurden meine Vorstellungen zur Realität; denn dort kann jeder, der es will, reingehen und mithelfen, es gibt keinen Zwang und keine notwendige Mitgliedschaft.

 

Ich muss zugeben, dass ich bei der Hinfahrt die Sorge hatte, ein wenig unbeschäftigt zu bleiben: Informatik, juristische Details oder das Zusammenschrauben eines Fahrrads gehören eben nicht zu meinen Talenten, auch wenn ich liebend gern das dafür Erforderliche gelernt hätte.

Doch das war gar nicht erst nötig: Denn nach kurzer Zeit kam am ersten Tag mein späterer Freund Saleh, und bat mich, ihm beim Deutschlernen zu helfen: Seine bisher noch sehr lückenhaften Deutschkenntnisse waren der Ansporn, den ich brauchte; er selbst, der unermüdlicher als jeder mir bekannte Schüler war, wunderte sich wohl, dass ich mit seiner Ausdauer, zwar nicht mithielt, aber mich doch sehr bemühte, seinem Lerneifer genüge zu tun. Als er ging, kam sein Mitschüler Desbele. Was die Unermüdlichkeit betraf, nun, so ähnelte er eher den mir bekannten deutschen Schülern als Saleh; er war auch mehr der sportliche Typ. Um seinem großen Wunsch, die Sprache einwandfrei zu beherrschen, näher zu kommen, setzte er darum auf's Gespräch: Allein am ersten Tag hat er mich dreimal gefragt, was ich am Samstag gemacht hatte...

 

Tief beeindruckend war diese Offenheit der zwei gebürtigen Eritreer, die in ihrem Leben so lange Unsicherheit erfahren hatten, dass sie nun auf den Halt hofften, den ein freundschaftlicher Kontakt im Leben bietet.

 

Zu meinem größten Bedauern aber habe ich weder ihnen noch den verschiedenen Flüchtlingskindern, die ich in dieser Zeit getroffen habe, zum Teil in ihrem Haus in Gegenwart ihrer Familie, zum Teil im Übergangswohnheim, diesen Halt geben können. Auch dem neun-, fast zehnjährigen Joseph und seinem jüngeren Bruder Benjamin habe ich erklären müssen, dass ich nach München zurückgefahren wäre, dass wir uns nicht in den nächsten Wochen wiedergesehen hätten. Die Gewaltprobleme im Übergangswohnheim waren offensichtlich: Einige Jugendliche provozierten mit Beschimpfungen die anderen Kinder, und ein vielleicht sechsjähriger Junge, normalerweise mit der Liebenswürdigkeit und dem Enthusiasmus, die so typisch für Kinder sind, nahm in einer sicher nicht von ihm selbst stammenden Drohgeste Äste, Gartengerät oder gar Steine in der Hand. Trotzdem war nicht das der bleibende Eindruck von diesem Tag, den ich mit der AG Kinderbetreuung im Übergangswohnheim verbracht habe, sondern die Erinnerung an die verschiedenen Kinder, mit denen ich auf unzählige Arten gespielt habe. Vor allem die begeisterten Gesichter Josephs und Benjamins, mit denen ich Fangen und Pingpong gespielt habe und deren Zeichnung eines Hauses ich durch einen Drachen ergänzt habe. Es ist eine Schande, dass im Bücherregal des Kinderzimmers ein Buch über solche die Fantasie dermaßen anregende Wesen fehlte, aber ich (den mich in meiner Kindheit nichts so fasziniert hatte wie die Vorstellung von Drachen) habe es auch so geschafft, ihnen den Begriff zeichnerisch nahezubringen.

 

Wenn ich nun der Auffassung bin, dass die natürliche Kreativität und der Enthusiasmus eines Kindes, oder die Offenheit und authentische Freundlichkeit bei einem Erwachsenen, in ihrem Inneren den Wert darstellen, auf dem mein Weltverständnis beruht, der der Welt selbst ihren Sinn verleiht, so kann ich mich nur glücklich schätzen, mein Praktikum für diese allzu kurze Zeit so genial gewählt zu haben: Ein Praktikum in einem Ort, wo nicht über Freiheit, Gerechtigkeit, Nächstenliebe geredet wird, sondern wo einfach gehandelt wird, und das war's – und wo das obendrein auch noch funktioniert; in einer Willkommensinitiative, die, offen und zugänglich für jeden, scheinbar von selbst funktioniert, in der Tat aber natürlich durch das großartige Engagement der sie bildenden Menschen. Einer Initiative, die so viele Menschen verschiedenster Herkunft zusammengebracht hat, und eine solche Kraft aus sich entwickelt, das sie fast schon eine Bewegung geworden ist.

 

 

Aus dem Grund war meine Schlussfolgerung bei meiner Rückfahrt aus Falkensee: Ich will weitermachen. In München und, wenn ich mal zurückkehren werde, in Falkensee. Wenn es so einfach ist, nicht nur anderen zu helfen, sondern auch selber etwas davon zu haben – warum kommen nicht mehr Menschen auf diese Idee?

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